Albert Friedrich Haller (1813-1882)

Pfarrer, Verwaltungsrat-Mitglied vom Progymnasium Biel ab 1845,

provisorischer Direktor bis 1847, Lehrer, F: Konfirmandenunterricht

Pfarrer Albert Friedrich Haller. Foto: Reproduktion aus Berner Taschenbuch, 1848.
Pfarrer Albert Friedrich Haller. Foto: Reproduktion aus Berner Taschenbuch, 1848.

Albert Friedrich Haller (1813-1882), Pfarrer
Verwaltungsrat-Mitglied vom Progymnasium Biel ab 1845, provisorischer Direktor bis 1847, Lehrer
Fächer: Konfirmandenunterricht

Albert Haller kam am 8. April 1813 in Bern, als der jüngste von drei Kindern des damaligen Stadtbaumeisters Karl Gabriel Haller (1766-1814) und der Marianne Müslin (1872-1842) zur Welt.[1] Marianne war die Tochter von David Müslin, dem letzten Nachkommen von Wolfgang Musculus (mundartlich: Müslin) (1497-1563), einem Dichter geistlicher Lieder.[2] Als Albert zehn Monate alt war, verlor er am 1. Februar 1814 seinen Vater an Lazaretttyphus. Beim Durchzug der Alliierten durch Bern 1813 hatte er als Stadtbaumeister die Aufgabe, für die Unterbringung der Kranken benötige Lazarette zu bauen und die auf der Schützenmatte benützten Räumlichkeiten zu erweitern. Dazu hielt er sich in den mit Kranken überfüllten Sälen auf. Infolgedessen erlag er selbst dem Typhus und liess seine 32-jährige Witwe Marianne mit ihren zwei Söhnen und einer Tochter zurück. Nach diesem schweren Schicksalsschlag zog Marianne wieder zu ihrem Vater in dessen Amtswohnung an der Herrengasse. Dort widmete die alleinerziehende Mutter ihre ganze Kraft ihren Kindern. Im Alter von acht Jahren verlor Albert Haller am 23. November 1821 seinen Grossvater David Müslin, den Pfarrer vom Berner Münster. Albert besuchte die Elementarschule, musste aber wegen eines Augenleidens, das ihn auch später noch öfter heimsuchte,  von der Schule fernbleiben. So wurde er über Monate hinweg in ein dunkles Zimmer verbannt. Seine Mutter führte währenddessen das Werkmeister-Geschäft ihres verstorbenen Mannes 14 Jahre lang weiter. Dabei stand sie zugleich in Kontakt mit zahlreichen literarisch hervorragenden Personen im In- und Ausland. August Wilhelm Schlegel (1767-1845), der Übersetzer von William Shakespeare, hielt um ihre Hand an, doch sie lehnte ab.[1]

  


Studium in Bern

Haller besuchte von 1828 bis 1830 die Literarschule, auch «grüne Schule» genannt, am oberen Gymnasium in Bern. Er stellte dem damals dort herrschenden Klassensystem kein gutes Zeugnis aus. Hauptsächlich weil darin der Unterricht in den alten Sprachen zerstückelt und unnötig in die Länge gezogen wurde, während Fächer wie die deutsche Sprache und die Geschichte ganz unberücksichtigt blieben. 1830 wechselte Haller an die damals noch bestehende Berner Akademie über und wurde Philologiestudent. Die Anstalt war so organisiert, dass ein Student, der sich der Theologie widmen wollte, drei Jahre in der «Philologie» und drei Jahre in der «Theologie» verbringen musste. 1831 trat Haller dem Zofingerverein bei. «Mich hatte die Idee einer freisinnigen Staatsverfassung ergriffen und ich suchte nun Gleichgesinnte.» In diesem Jahr musste er seine Studien aufgrund seines Augenleidens zunächst zeitweise und später auf ärztliche Anordnung hin ganz aussetzen. Um diese Zeit nicht zu verlieren, wurde er zur Erlernung der französischen Sprache ins Pfarrhaus nach Colombier geschickt. 1832 kehrte er nach Bern zurück.[1] Die Vorlesungen von Professor Romang weckten sein Interesse für die Philosophie. So trat der 21-Jährige im April 1834 zur Theologie über. Nur ein halbes Jahr blieb Haller in der «Theologie» der alten Akademie. Im November 1834 wurde die neue Universität eröffnet, wo er sich dazu entschloss, den Theologen mit dem Historiker zu vereinen und sich der schweizerischen Kirchengeschichte zu widmen. 1837 schloss er sein Studium ab. Seine Bearbeitung der historisch-theologischen Preisfrage Geschichte und Lehre der Nazarener und Ebionten verschaffte ihm den ersten Preis. Im September desselben Jahres wurde er zum Predigtamt ordiniert. 1838 unternahm er eine Studienreise nach Bonn und Berlin. Dort war er öfters im Haus der Witwe Mendelsohn (der Mutter des Komponisten Mendelsohn) zu Gast. Mehrere Wochen verbrachte er in den Niederlanden und Belgien.[2]

  


Vikar an der Heiliggeistkirche Bern
An der Heiliggeistkirche in Bern wurde Albrecht Friedrich Haller eine Vikariatsstelle in Aussicht gestellt. Im Juli 1839 trat er sein Amt an. Zur Vertretung des Pfarrers von Radelfingen wurde er vom Erziehungsdepartement dorthin beordert. Während dieser drei Wochen verlobte er sich mit Ida von Greyerz, der Schwester seines Studienfreundes Alfons von Greyerz. Sie hatte er bereits 1836 bei ihrem ersten Besuch in der Schweiz kennengelernt. Für den Augenblick war an eine Heirat nicht zu denken, denn ein Vikar mit einem Lohn von 200 Fr. konnte kein Haus gründen. So kehrte Ida von Greyerz zunächst mit ihrem Vater, einem bayerischen Forstinspektor, nach Bayreuth zurück. 1841 übernahm Albert Haller, bis zu seiner Abreise nach Biel die Stelle als Geschichtslehrer an der damaligen bürgerlichen (später städtischen) Mädchenschule Bern. Am 3. Januar 1842 starb seine Mutter an einer Lungenentzündung. Er erfüllte ihren letzten Wunsch und heiratete Ida von Greyerz (1820-1913) am 4. März 1842 in der Kirche von Bümpliz. Mit ihr lebte er über 40 Jahre in glücklicher Ehe zusammen.[1]

  

Pfarrer in Biel von 1844 bis 1864
Auf den Rat von Professor Lutz hin bewarb sich Haller für die Pfarrstelle in Biel. Am 31. Januar 1844 wurde er in dort zum zweiten Pfarrer gewählt.  Als der erste Pfarrer von Biel, Johann Konrad Appenzeller, 1850 verstarb, empfahl der Gemeinderat Haller als dessen Nachfolger. So wurde Haller erster Pfarrer [5] Das Amt, das Haller in Biel antrat, brachte Arbeit in Hülle und Fülle. Zur Stadt Biel kamen die drei Landgemeinden Bözingen, Leubringen und Magglingen hinzu. Im Verein mit seinem jüngeren Amtsbruder und Freund Eduard Güder veranstaltete Haller neben dem sonntäglichen Gottesdienst Bibel- und Missionsstunden. Besonders gern besuchte er mit seinen Kindern das Pfarrhaus in Mett, eine halbe Stunde von Biel entfernt, wo fast gleichzeitig mit ihm sein älterer Studienfreund Gottlieb Kuhn als Pfarrer eingezogen war. Bald wurde Haller vom Kapitel Nidau zum Abgeordneten in die damalige, aus Geistlichen bestehende General-Synode gewählt. 1852 wurde er zudem zum Mitglied der neuen, gemischten Kartonsynode und zum Vizedekan gewählt. Zu seiner eigentlichen amtlichen Tätigkeit kam noch die Teilnahme am Bieler Schulwesen hinzu. Während seines Vikariats in Bern hatte er als Schulkommissar die Landschulen um Bern inspiziert. Nun wurde er in Biel für die Stadtschulen in Anspruch genommen. Unter anderem wurde er Mitglied der bürgerlichen Schulkommission.[1]

  


Die Bieler Stadtkirche, in der Albert Haller das Rauchen verbot, im Hintergrund sein Wohnort, das Pfarrhaus im Ring 4.

Zeichnung nach S. Weibel, 1827. Reproduktion aus «Das alte Biel und seine Umgebung», Biel, 1902.

 

Unterricht am Progymnasium Biel
Neben den öffentlichen Unterweisungen erteilte Haller den Schülern des Progymnasiums im Dufourschulhaus besonderen Unterricht. Als einmal der Winterstundenplan so eingerichtet worden war, dass sich darin keine Stunde für den Konfirmandenunterricht finden liess, erteilte er diesen von 7 bis 8 Uhr morgens während des ganzen Winterhalbjahrs. Dabei zählte er unter diesen Konfirmanden des Collège einen Schüler aus Orpund, der jeden Morgen einen einstündigen Schulweg, oft durch fusshohen Schnee, zu machen hatte, um zu rechter Zeit um 7 Uhr einzutreffen, der jedoch nie fehlte und nie zu spät kam. Ab 1. Januar 1845 war er Mitglied des Verwaltungsrates des Progymnasiums oder Collège im Dufourschulhaus. Haller übernahm dort provisorisch Pabsts Stelle als Direktor, bis er am Dezember 1847 seine Entlassung als Direktor eingab, worauf Vikar Güder dieses Amt übernahm.

 

Die Anfangsjahre von Haller's Tätigkeiten fielen in die politisch-bewegteste Zeit, welche der Kanton Bern durchzumachen hatte, in die Zeit der Freischarenzüge und der Verfassungsrevision von 1846, und was alles darauf folgte. Biel war dank des Einflusses einiger politischer Flüchtlinge deutscher Nationalität ein Hauptquartier revolutionärer Umtriebe einer auf Umsturz der Regierung und Verfassung abzielende Bewegung. Einige waren ihm, durch die politischen Umsturzgedanken, die damals in Biel aufblühten, feindlich gestimmt. Schon der Schluss des Jahres, in welchem Haller nach Biel zog, brachte den ersten Freischarenzug in den Kanton Luzern, an welchem die Radikalen Biels teilnahmen. Ernster gestalteten sich die Umstände mit dem zweiten Freischarenzug im März 1845. [1] Unter Vorantritt des Regierungsstatthalters hatte Biel nicht nur ein Kontingent Bewaffneter, sondern auch zwei bespannte Kanonen, aus dem Schloss Nidau geholt. «Am 31. März,» schrieb Haller, «kamen noch Nachzügler aus dem St. Immertal. Die Stadt war in furchtbarer Aufregung. Doch schon am 2. April kamen Gerüchte über eine Niederlage der Freischaren und deren Rückzug auf Zofingen auf. Ein Wagen mit Wein und Lebensmitteln wurde dorthin gesandt, kehrte aber von Solothurn wieder um, weil alles vorbei und zu Ende war. Ab dem 3. April kamen einzelne Freischaren zurück. Aber nicht alle kehrten Heim: mehrere sassen gefangen in der Jesuitenkirche in Luzern; einer, ein Hausvater, wurde vermisst und blieb verschollen.»[1]
Selbst in Biel war die Stimmung in der Revolutionspartei etwas gedrückt. Als sie aber sah, dass die Regierung nicht wagte, die Freischaren zur Verantwortung zu ziehen, arbeitete sie auf den Sturz der «Neuhaus-Regierung» hin. Der erfolgte schliesslich 1846 und wurde in Biel unter Lärm, Kanonendonner und Weinkonsum gefeiert. Bei der Beerdigung eines an den Folgen des Freischarenzuges verstorbenen Teilnehmers, für den Haller die Trauerrede halten sollte, erschienen dessen Kampfgenossen aus dem ganzen Seeland, mit weissen Binden am Arm. Seine Rede «Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet», missfiel ihnen. Darauf kam eine Abordnung ins Pfarrhaus und verlangte diese Rede, in der Hoffnung, darin einen Anhaltspunkt für eine Klage gegen den Pfarrer zu finden.
Schlimmer hätte eine andere Situation ablaufen können, die Haller den Freischaren verdankte: Im Sommer 1845 hatte er die Aufgabe, in Courtelary einen Raubmörder «auszukosten» und aufs Schafott zu begleiten. Danach reiste er zum schweizerischen Predigerfest nach Zürich und wanderte von dort mit einem Kollegen über Malters, wo noch zahlreiche Kugelspuren an den Häusern zu sehen waren, durchs Entlebuch bis zum Dorf Flüehli. Dort wurden die beiden Wanderer, die in ihren weissen Reiseblusen wenig pastorenhaft aussahen, mit misstrauischen Blicken verfolgt. Ein Polizist hielt die beiden an, erklärte sie zu Freischärlerspionen und führte sie vor den Gemeindepräsidenten. Dieser drohte, sie nach Schüpfheim zurückzutransportieren. Nach einem langen Verhör wurden sie, auf die Fürsprache des verständigeren Vizegemeindepräsidenten hin, entlassen. Sie erhielten die Anordnung, sich schleunigst zu entfernen und sich nirgends umzusehen oder anzuhalten. Die luzernische Land-Bevölkerung war damals, wegen des wenige Tage vorher an dem Volksmann Leu verübten Mordes in Aufruhr.[1]
Der Sieg der radikalen Schellpartei bei der Annahme der Verfassung von 1846 war in Biel deutlich spürbar. Es bildete sich ein Zentrum revolutionärer Propaganda, das nicht nur den Kanton Bern oder die Schweiz, sondern auch das Ausland im Blick hatte. Der in Biel niedergelassene deutsche Flüchtling Johann Philipp Becker gab hier seit 1848 sein Blatt «Die Revolution» heraus, in dem gewaltsame und blutige Umwälzungen propagiert wurden. Das schlug sich auch auf die Stimmung in Biel nieder. Zunächst brachte der Sonderbundskrieg noch manche aufregende Tage mit sich: Einquartierungen, Truppendurchmärsche und militärische Szenen, die nicht immer vertrauenserweckend waren. Später, nach der Niederlage der Aufständischen im Grossherzogtum Baden 1849, wimmelte es in Biel von deutschen Flüchtlingen, darunter Beamte und Soldaten alter Waffengattungen.
Nur ein kleiner Trupp Konservativer unter der Führung von Dr. Blösch (dem Bruder von Landammann Blösch) trat dem Radikalismus entgegen und fand sich am 25. März 1850 an der Münsingerversammlung auf der Leuenmatte ein. Haller hielt aus politischer Überzeugung auch zu ihnen. Am Tag der Versammlung war er jedoch am Krankenbett eines todkranken Kindes, das Dr. Blösch noch am Abend des 24. März für hoffnungslos erklärt hatte. Der Sieg der Konservativen freute ihn und er hoffte dass mit der Wahl der neuen (konservativen) eine bessere Zukunft für das Bernervolk anbrechen würde. Doch diese Hoffnung wurde durch die zugunsten der Radikalen Partei ausfallenden Wahlen der Bezirksbeamten noch im selben Jahr zunichte gemacht und die Zustände in Biel taten ihr Übriges.[1] In seinen Erinnerungen berichtet Haller von diesen Tagen: «Besonders merkwürdig war die Vereidigung eines zur Bewachung des Brünigs bestimmten jurassischen Reservebataillons. Als der Fahneneid geschworen werden sollte, rührten sich drei Viertel des Bataillons gar nicht. Sie erhoben weder die Hände, noch schworen sie. Es waren Katholiken, die widerwillig gekommen waren.»

  


Im Visier der Radikalen
Haller wurde keine persönliche Anfeindung oder Beleidigung zu Teil, wie sie beispielsweise Pfarrer Romang widerfuhr. Dieser war 1850 als Direktor des Gymnasiums nach Biel gekommen und hatte sie auf offener Strasse durch Kinder erlebt. Dennoch war ihm mehr als deutlich, was im Dunkeln vorbereitet wurde. Nicht nur waren die Pinten fortwährend gefüllt, nachts ertönten auf den Gassen unaufhörlich die radikale Herausforderung «Alles üses!», sowie der zum Parteischibolet gewordene Gassenhauer: «Cin cin rataplan, vivent les rouges à bas les blancs!». Auf dem Gerechtigkeitsbrunnen in der Burg wurde ein Freiheitsbaum aufgestellt und mit aufrührerischen Reden eingeweiht. Der Tod von Dr. Knobel wurde benutzt, um eine ungeheure Aufregung hervorzurufen. Dieser Tod, offenbar die Folge eines Fehltritts in einer dunklen Gewitternacht mit darauffolgenden unglücklichen Sturz in die Zihl bei Nidau, wurde sofort mit unverkennbarer Absicht zu einem politischen Mord gestempelt und zur Verleumdung der konservativen Partei ausgenutzt.[1]
In jener Zeit bat eine kranke Frau, die Haller als Seelsorger öfter in ihrem armseligen Stübchen besuchte, er solle nicht mehr kommen. Auf seine verwunderte Frage, weshalb, gestand sie, dass sie um seine persönliche Sicherheit fürchte. Unter ihr, erzählte sie, kämen des Abends Männer zusammen, die sich bis spät heftig miteinander berieten. Deren drohende Reden habe sie durch die dünne Diele deutlich und mit Schrecken vernommen. In diesen nächtlichen Versammlungen sei eine Liste derer erstellt worden, die «dran müssten», wenn ihre Partei wieder an die Macht komme. Auf dieser Liste stünden die beiden Pfarrer an erster Stelle. Aus diesem Grund bat die verängstigte Kranke den Seelsorger, das Haus zu meiden. Haller versuchte, sie zu beruhigen, und besuchte sie weiterhin. Dass diese Angaben jedoch keine Hirngespinste waren, bewiesen der Ausruf eines radikalen Schusters, der berauscht von Wein und Fanatismus mit einer scharf geschliffenen Axt durch die Gassen der Stadt lief und rief: «Wo sy die dormer's Aristokraten!» sowie das laute und absichtlich öffentliche Selbstgespräch eines Schindelmachers, der im Augenblick, als Haller an ihm vorbeiging, mit einem kleinen Fallbeil seine Schindeln spaltend rief: «So müssen alle Aristokraten- und Pfaffenköpfe fallen!»[1]
Haller scheute sich nicht, sein Wort durchzusetzen, auch wenn ihm dies Unannehmlichkeiten eintragen konnte. Dies imponierte seinen Gegnern. Eines Tages kam er auf dem Gang in die Kinderlehre am Vennerbrunnen im Ring vorbei. Auf demselben wurde eine rote Fahne aufgesteckt und es erklangen herausfordernde Rufe von dem Obenstehenden. Ein anderes Mal war es bei einer der etwas tumultuarischen Wahlversammlungen in der Bieler Kirche, als er den Präsidenten bat, dem zur Würde des Ortes so gar nicht passenden Rauchen Einhalt zu gebieten. Als die Aufforderung des Präsidenten nur allgemeines Gelächter hervorrief, ergriff Haller selbst das Wort und bewirkte mit wenigen ernsten Worten, dass die Pfeifen und Zigarren verschwanden. Durch die Fusion von 1854 hatte die radikale Partei das Regiment teilweise in die Hand bekommen. Den erlangten Sieg nutzte sie aus. In Biel, wie bald auch im ganzen Kanton Bern, wurde die radikale Partei zur allein herrschenden Kraft. Sie bestimmte in politischen wie in bürgerlichen Verhältnissen Wahlen und Entscheidungen.

  


Haustüre vom Pfarrhaus Ring 4. Reproduktion aus «Das alte Biel und seine Umgebung», Biel, 1902.
Haustüre vom Pfarrhaus Ring 4. Reproduktion aus «Das alte Biel und seine Umgebung», Biel, 1902.

Ein Pfarrhaus mit acht Kindern
Auch im Bieler Pfarrhaus ging es immer sehr lebhaft zu. Zu der ältesten Tochter, die bereits in Bern geboren wurde, kamen in Biel weitere sieben Kinder dazu.[1] Das Ehepaar hatte drei Söhne und fünf Töchter. Zwei der in Biel geborenen Söhne die das Progymnasium besuchten, waren Albert Haller (1846-1932), Pfarrer der Heiliggeistkirche in Bern und Hans Haller (1847-1910), Seelsorger der Irrenanstalt Münsingen und Waldau, der die Bielerin Emilie Lanz heiratete. Für die Betreuung der Kinder wurde 1844 die 20-jährige Lisette Fankhauser als Dienstmagd angestellt. Sie blieb der Familie Haller-von Greyerz 58 Jahre treu.[3]

Im Pfarrhaus versammelte sich wöchentlich ein Verein von Frauen, welche für die Mission arbeiteten. An den Winterabenden unterhielt Haller seine Kinder mit den Irrfahrten des Odysseus und seinen Abenteuer in der Höhle des einäugigen Zyklopen. Ein andermal schilderte er die Taten bei Laupen und Murten. Eine ganze Welt der Poesie und der Geschichte tat sich in solchen Winterabenden auf. Mit seiner Familie unternahm er gerne Ausflüge in die Jurahöhen und wanderte auf dem Chasseral und den Weissenstein. Ansonsten hatte er keine Zeit für Ferien. Der längste Ausflug den er sich erlaubte dauerte nur 4 Tage, das Interesse seines Amtes ging allem anderen vor. 
  

Die Armenbesucher von Biel
Ebenfalls im Pfarrhaus fanden ab und zu die Sitzungen des 1850 von Albert Haller gegründeten «Armenvereins» statt, dessen Präsident er viele Jahre lang war. Er unterzog sich gern der grossen Arbeitslast, namentlich der ausgedehnten Armen-Korrespondenz, die durch diese Tätigkeit entstand, obschon er es bedauerte, dadurch an wissenschaftlichen Arbeiten gehindert zu sein. Albert Haller: «Wer alte Kleidungsstücke, Waschzeug, Schuhe sowie Bettgegenstände entbehren konnte, wurde gebeten, solche bei einem sogenannten Armenbesucher abzugeben. Auch die kleinsten Gaben wurden mit Dank angenommen.» Der Armenverein gab seinen Armenbesuchern folgende Quartiere zur Betreuung: [4]
- Der französische Pfarrer Cunier übernahm die sämtlich im Stadtbezirk wohnenden Armen der französischen Bevölkerung.
- Gerichtspräsident Mürset war für die Armen der deutschen Einwohnerschaft vor dem Ober- und Untertor gegen Bözingen zuständig. Zu seinem Bezirk gehörten der Wasen, das Gurzelen, die Champagne, das Siechenhaus, die Rochette, die Lochmühle und der Bifang.
- Pfarrer Eduard Güder: die Ober- und Untergasse, den Ring samt Winkel und Obergässli.
- Dr. med. Joseph Lanz: die Schmiedengasse, die Burg, das Untergässli, die Brodschaal und die Nordseite der Klostergasse samt der Kanalgasse.
- Der Kaufmann Schilling übernahm die Südseite der Klostergasse, die Schulgasse vom Gymnasium bis zur Schmiedengasse und die Neuenstadt auf der Seite zur Stadt hin.
- Franz Perregaux: die Mühlebrücke, die Neuenstadt, Seite gegen das Land, die Hintergasse, das Pasquart und Häuser ausser der Stadt, die nicht in dem Kreis des Mürset begriffen sind.

   

Eröffnung der Bieler Suppenanstalt
1854 beschloss Haller mithilfe des Armen-Vereins durch «Sparsuppen», die in einer Anstalt verteilt werden, der zunehmenden Bettelei entgegentreten zu können. Die Anstalt, die die Suppen kostenlos verteilte, wurde im Februar 1854 im Erdgeschoss der Stadtkanzlei errichtet und war von 10 Uhr morgens bis 16 Uhr nachmittags geöffnet.

  


Ein aussergewöhnliches Weihnachtsfest für die Kinder
An Weihnachten 1859 hatten die beiden Pfarrersfrauen Haller und Thellung, die Idee einen Weihnachtsbaum für die Bieler Kinder zu organisieren. So beschloss die Stadt Biel den Schülerinnen und Schülern der Einwohnerklassen und der Nachtschulen durch einen Weihnachtsbaum eine Freude zu bereiten. Der Seeländer Bote (27.12.1859): «Zu diesem Zweck brachten die Stadtbehörden und die Privaten eine ansehnliche Summe zusammen und von verschiedenen Seiten stellte man Geschenke zur Verfügung. Daher wurden ebenfalls die oberen Schulklassen und die unterste gemischte Klasse der Bürgerschule sowie die Kinder der Berghaus-Anstalt eingeladen. Es entstand ein grosses Kinderfest. Die ganze Kirche wurde dementsprechend geschmückt und mit zwei von Kerzen erleuchteten Weihnachtsbäume geziert. Eine solche Masse von Menschen haben wir noch nie in unserer Kirche beisammen gesehen. Pfarrer Haller erklärte in einer herzlichen Ansprache die Bedeutung und der Zweck des Festes. Dann erhielt jedes Kind ein kleines Geschenk. Begleitet wurde die Zeremonie vom Orgelspiel und Chorälen. Möge ein solcher Abend jedes Jahr wiederkehren.»

Hilfe für Notleidende
Wann immer Pfarrer Haller von einem Unglück hörte, versuchte er zu helfen. In Biel führte er mit grossem Erfolg zahlreiche Spendenaktionen durch, die er im Seeländer Boten annoncierte:  Im April 1851 zerstörte ein schrecklicher Brand einen Teil des Dorfes Nods. 33 Häuser brannten nieder, 40 Familien hatten kein Zuhause mehr. Viele Menschen besassen keine andere Kleidung als die, die sie zum Zeitpunkt des Unglücks trugen. Haller gelang es, zahlreiche Menschen zum Spenden zu bewegen.[8] Am 23. März 1854 brach in Madretsch ein Feuer aus. In kurzer Zeit verbrannten 12 Wohnhäuser mit Scheune, zwei Wohnstöcke und zwei Speicher. Insgesamt 80 Personen aus 19 Familien wurden obdachlos. Haller startete einen Spendenaufruf für die Brandgeschädigten. Dies brachte als Soforthilfe die Summe von 1218 Franken ein. Später kamen noch weitere Beträge hinzu. 1856 ernannte der Gemeinderat eine Kommission, bestehend aus Albert Haller, Kommandant Scholl, Alexander Schöni, Friedrich Ritter, Notar Bichsel, Franz Perregaux und Jakob Köhli, um Lebensmittel, Geld und Kleider für die im Feld stehenden Wehrmänner zu sammeln.[5] Als 1859 mehrere Arbeiter durch den Brand des Drahtzugs vorübergehend ohne Arbeit blieben, bat Haller die Bevölkerung um Gaben. 1860/61 war es einen Aufruf, um die Not der von blutiger Verfolgung heimgesuchten Christen in Syrien zu lindern. Finanzielle Unterstützung erhielt er unter anderem vom Bieler Töchtern-Missionsverein. Im Oktober 1861 rief er mit einer Gruppe engagierten wieder zur Hilfe auf: «Eine heftige Feuersbrunst hat in der Nachbargemeinde Pregelz 25 Wohnhäuser zerstört und 32 Haushaltungen obdachlos gemacht. Der Ertrag für den Sommer wurde vernichtet. Hilfe, schnelle Hilfe tut Not, insbesondere wegen des herannahenden Winters. Eine Kollekte wird von Haus zu Haus gesammelt werden.»[7]

  


Burgerspitalprediger in Bern
Haller wurde 1864 zum Prediger der kleinen Kapelle des Burgerhauses in Bern ernannt. Seine Nachfolge trat Pfarrer Thellung an. Zum Dank für sein 20-jähriges Wirken schenkte ihm die Bieler Gemeindebehörde einen silbernen Pokal als Andenken. Aufgrund der Unbequemlichkeiten, die die Trennung von seiner noch in Biel wohnenden Familie und das Wohnen im Burgerspital mit sich brachten, vermisste er das vertraute Bieler Pfarrhaus sehr. Als seine ganze Familie in Hallers väterliches Haus an der Schauplatzgasse zog, in dem er seine Jugendzeit verbracht hatte, fühlte er sich heimischer und begann, sich in Bern wieder einzuleben.[1]

Pfarrer im Berner Münster
Die Wahl zum Pfarrer am Münster im Jahr 1866 entsprach ganz seinem Charakter und er führte dieses Amt 13 Jahre aus. Durch seine Berufung in die Direktion der Real- und Gewerbeschule sowie in die Primarschulbehörde hatte er die Gelegenheit, das städtische Schulwesen zu unterstützen. Auch beteiligte er sich an der Gründung des «evangelisch-kirchlichen» Vereins. Daneben fand er noch Zeit, sich an den öffentlichen Vorträgen zu beteiligen, die von den Pfarrern der Stadt Bern zu verschiedenen Zeiten für ein gemischtes Publikum veranstaltet wurden. Er wählte dazu biografische Stoffe und bearbeitete das Leben des Theologen Wolfgang Muskulus sowie das seines Grossvaters David Müslin. Letzteres fand in etwas weiterer Bearbeitung auch einen Platz im Berner Taschenbuch 1857/1872.[1] Er verfasste einen Artikel über Thomas Wittenbach in Herzog's theologischer Realenzyklopädie. Eine Preisarbeit über Nazarener und Ebioniten erschien nicht im Druck. 1879 zwang ihn ein Herzleiden zur vorzeitigen Pensionierung. Er starb am 19. Oktober 1882 im Alter von 69 Jahren an einem Herzschlag. Auf dem Bremgartenfriedhof fand er seine letzte Ruhestätte. [2]  L

P. K.



Der Haller-Pokal von 1864 - eine einzigartige Bieler Rarität

Am 29. Februar 1864 wählte der Berner Burgerrat Albert Friedrich Haller zum neuen Spitalprediger. Ende April beschlossen der Bieler Burger- und Gemeinderat, ihrem nach 20-jährigem Wirken scheidenden Pfarrer für seine Dienste zu danken. Goldschmid Rudolf Rehfues (1820-1866) fertigte in Bern in seinem bekannten Atelier an der Kramgasse 165 in Bern einen silbernen Pokal, den die Behörden dem Pfarrer als Andenken überreichten.[6] Er ist 30 cm hoch, sein Becher hat einen Durchmesser von 11,5 cm.
Die Inschrift lautet: 

«Die dankbare Stadt Biel ihrem scheidenden Pfarrer Haller.
Zur freundlichen Erinnerung, 1864».

 

Haller blieb nach wie vor mit manchen Familien in Biel in freundschaftlichem Kontakt und nahm stets Anteil am Wohlergehen der dortigen Gemeinde. Wenn er später bei festlichen Anlässen im Kreis seiner Familie seinen silbernen Pokal benutzt, erfreute er sich jedes Mal an den Erinnerungen an seine Bieler Zeit. Mit Hallers Tod verschwand auch die Erinnerung an den Pokal.[1]
 
Bern, in den 1940er Jahren: In der Kramgasse befindet sich immer noch ein Goldschmiedeatelier. Einer der Mitarbeiter war der handwerklich geschickte Heinrich Sigg, der seine Lehre als Goldschmied in Schaffhausen absolviert hatte. Nach dem Krieg wurde viel Schmuck aus Pforzheim importiert. Dieser war meist billig und innen hohl. Der auf Reparaturen spezialisierte Heinrich konnte nicht begreifen, dass man Schmuck herstellen kann, der innen hohl ist. Heinrich hatte einen strengen Arbeitsgeber, der lange Arbeitszeiten forderte und kein Pausen zuliess, sodass ihm die Arbeit in den düsteren Räumen des alten Gebäudes nicht viel Freude bereitete. Eines Tages zog ein Kunde ein silbernes Schmuckstück hervor, dessen wundervolle Dekoration den grauen Alltag wieder zum Strahlen brachte. Es war der Pokal von Pfarrer Haller. Sein letztes Stündlein hatte geschlagen. Um das Silber zu verwenden, sollte er eingeschmolzen werden. Doch Heinrich wusste das zu verhindern: Er kaufte ihm den Pokal ab und brachte ihn in sein Heim am Föhrenweg im Spiegel, wo er nun das Wohnzimmer zierte, wo er auch von seinem Sohn Urs als Kind bewundert wurde.

   


Details vom Albrecht Friedrich Haller-Pokal, Zustand 2026.

  

Urs Sigg, der Sohn von Heinrich Sigg, der sich vor seiner Pensionierung mit Grossrechnern beschäftigt hatte, lebt nicht mehr in Bern, sondern im ländlichen Dinhard im Kanton Zürich. Er erbte den Pokal, nachdem seine Eltern in den 1980er- und 1990er-Jahren gestorben waren. Das neue Zuhause des Pokals wurde ein Reihenhaus der im Stockwerkeigentum erbauten Siedlung Büel. Sie ist seit 1974 die zweite selbstverwaltete Siedlung dieser Art in der Schweiz und besteht aus 51 Häusern, einem grossen Pool und Spielplätzen. 

Auch der Ehefrau von Urs, Ursula Sigg, einer studierten Romanistin, gefiel der Pokal. Wie Albert Friedrich Haller in Biel damals, ist sie ein aktives Mitglied der evangelischen Kirche und unterrichtete viele Jahre in der Sonntagsschule der Kirchgemeinde Dinhard.  Im August 2002 leitete sie ein Sonntagsschullager in Schwende AI zum Thema des biblischen Buches «Daniel». Darin kommt die Geschichte des babylonischen Königs Belsazar vor, der einen im Tempel von Jerusalem gestohlenen Becher, der dem jüdischen Gott geweiht war, entweihte, indem er bei einem grossen Gelage selber daraus trank. Er büsste dafür mit seinem Leben. (Heinrich Heine hat dazu ein bekanntes Gedicht geschrieben.) Für die Inszenierung dieser Geschichte mit den Kindern diente der prächtige Haller-Pokal als heiliger Becher aus dem Tempel von Jerusalem.

Ursula Sigg / P. K.


Die Pokal-Hüter Ursula und Urs Sigg und der Haller-Pokal als heiliger Becher in einer Schulaufführung von 2002.

  

Nachdem Urs Sigg im Jahr 2026 Informationen über Albert Friedrich Hallers Pokal auf der Website des Altstadtleistes fand, entschloss sich das Ehepaar, den historischen Gegenstand der Stadt Biel zu schenken. Am 4. März 2026 übergaben sie den Pokal dem Neuen Museum Biel (NMB).


Links: Pokalübergabe im NMB. Rechts: Ein Dankeschön-Präsent vom Altstadtleist. Fotos: P.K., 4.3.2026. 


Zitiervorschlag: pk: «Albert Friedrich Haller - Pfarrer», in: Pioniere und Prominente vom Dufourschulhaus Biel. Version 2026. Online: Altstadtleist.biel-bienne.ch.

 

Quellen: 1) Pfarrer A. Haller, «Albert Friedrich Haller - Ein Lebensbild», Berner Taschenbuch, Bern 1884, S. 1ff; - 2) M. Haller, Sammlung bernischer Biografien, Band 5, Bern 1906, S. 571ff; -  3) Heinz Fankhauser, «Erinnerungen an 2 Mägde in Bern und Burgdorf» in Burgdorfer Jahrbuch 2019, S. 58f); - 4) Seeländer Bote, Biel, 14. Mai 1850, S. 4); - 5) Gustav Blösch, Chronik von Biel von den ältesten Zeiten bis zu Ende 1873 Chronik, Biel 1875, S. 236ff; - 6) «Silberpokal für Pfarrer Haller» in Der Bund, Bern, 29.4.1864, S. 2 / «Une magnifique coupe d’argent» in Le Jura, Porrentruy, 29.4.1864, S. 2; - 7) «Aufruf», Seeländer Bote, Biel, 10.10.1861, S. 1; - 8) «Appell aux cours généreux» in Seeländer Bote, Biel, 24. April 1851, S. 4